Trotz der Dringlichkeit der Herausforderungen in den Bereichen Klima, Frieden und Sicherheit (CPS) in Lateinamerika und der Karibik (LAC) wird die Region in den globalen CPS-Diskussionen nach wie vor nicht als Priorität anerkannt. Auch bei der Verknüpfung von lokalem und traditionellem Wissen und Erfahrungen mit globalen CPS-Debatten bestehen weiterhin Lücken. Dieser Praxisleitfaden soll diese Lücken schließen. Er untersucht regionale CPS-Herausforderungen und identifiziert vor allem praktische Lösungen, die die Interessengruppen zur Bewältigung dieser Herausforderungen priorisieren sollten.
Die Region Lateinamerika und Karibik (LAC) steht an der Spitze vieler diplomatischer und basisdemokratischer Bemühungen im Bereich Umwelt- und Klimaschutz. Gleichzeitig sieht sie sich jedoch mit einer vielschichtigen Krise konfrontiert. Die Umweltzerstörung wird durch klimawandelbedingte Dürren, Hurrikane und Überschwemmungen verschärft. Sie beschädigen die Infrastruktur, destabilisieren Volkswirtschaften, begünstigen Vertreibungen und verschärfen soziale Spannungen. Gleichzeitig ist die Region von chronischen Sicherheitsproblemen betroffen. Die Mordrate in LAC ist die höchste weltweit – dreimal so hoch wie der globale Durchschnitt. Die organisierte Kriminalität, zu der illegale Abholzung, illegaler Bergbau und Drogenhandel gehören, bedroht Menschenleben und die Artenvielfalt lebenswichtiger Ökosysteme wie des Cerrado, des Amazonas-Regenwaldes, der Maya-Wälder und des Gran Chaco. Diese Dynamik verschärft die Klimakrise, untergräbt die Widerstandsfähigkeit der Gemeinden gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels, verstärkt Sicherheitsrisiken und behindert die Verwirklichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung.
Mit diesem Praxisleitfaden sollen die Perspektiven Lateinamerikas und der Karibik, darunter politische Entscheidungsträger*innen, Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen, indigene Leader und zivilgesellschaftliche Organisationen, in den Mittelpunkt der globalen Diskussionen über Klima, Frieden und Sicherheit (CPS) gerückt werden. Sie basiert auf dem kollektiven Wissensaustausch während eines Workshops, der im Oktober 2025 in Berlin als offizielle Nebenveranstaltung der Berlin Climate and Security Conference (BCSC) von adelphi global, dem United Nations System Staff College (UNSSC) und dem Igarapé Institute organisiert wurde. Aufbauend auf den Ergebnissen der BCSC-Cali (Oktober 2024) und der BCSC-Rio (Juni 2025) brachte der Workshop zivilgesellschaftliche Organisationen, Botschaften, Regierungsvertreter*innen, UN-Agenturen und Geber*innen zusammen, um praktische Lösungen für die Bewältigung der Herausforderungen in den Bereichen Klima, Umwelt und Frieden in der Region zu erarbeiten.
Wichtige Erkenntnisse:
- Umweltkriminalität untergräbt Institutionen: Umweltkriminalität, die drittlukrativste illegale Aktivität weltweit, befeuert die kriminelle Wirtschaft, verbreitet Gewalt, schädigt die Biodiversität und die Lebensgrundlagen und untergräbt Institutionen in ganz Lateinamerika und der Karibik.
- Städtische Folgen von Umweltkriminalität: Durch Umweltkriminalität ausgelöste Gewalt treibt die Binnenmigration an und zwingt Menschen in städtische Gebiete, wo sie Ausbeutung, Erpressung und der illegalen Wirtschaft ausgesetzt sind.
- Klimafolgen treiben Migration voran: In Mittelamerika haben Hurrikane, Dürren und unregelmäßige Niederschläge die Landwirtschaft zerstört. Extreme Niederschlagsereignisse haben zwischen 2009 und 2011 beispielsweise in El Salvador Verluste in Höhe von 6 % des BIP verursacht.
- Indigene Führungsrolle im Umweltschutz: Indigene Wälder in den Amazonasländern absorbieren jährlich etwa 340 Millionen Tonnen CO₂, doch die Beiträge der indigenen Völker bleiben in Politik und Finanzwesen oft unsichtbar.
- Zunehmende regionale Zusammenarbeit: Initiativen wie die Organisation des Amazonas-Kooperationsvertrags, das Escazú-Abkommen und der Leticia-Pakt zeigen eine wachsende Dynamik bei der Bewältigung von Herausforderungen in den Bereichen Klima, Frieden und Sicherheit.
Handlungsfelder:
Für Regierungen:
- Verstärkung der regionalen und überregionalen Zusammenarbeit
- Entkolonialisierung der Panamazonasregion
- Ausbau der Präsenz staatlicher Institutionen (z. B. Gesundheits-, Bildungs- und Sozialschutzdienste)
- Schaffung nachhaltiger alternativer Lebensgrundlagen
Für internationale Akteur*innen:
- Anerkennung von Umweltverbrechen als schwere Straftaten
- Multinationale Unternehmen zur Rechenschaft ziehen
Für Geber*innen:
- LAC zu einer Investitionspriorität machen
- Abkehr von projektbezogener Finanzierung
- Erhöhung der direkten Finanzmittel für indigene Gemeinschaften
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